Journal · Existenz & Angst

Ist Angst immer eine Krankheit?

Licht durch eine angelehnte Tür zwischen Trümmern im Dunkel, eine stehende Säule und eine Kerze
Eine angelehnte Tür im Dunkel und eine einzelne Kerze — Angst ist meist die Nachricht von einer Schwelle.

Zwei Ängste

Du wachst mitten in der Nacht auf. In deiner Brust sitzt eine namenlose Enge. Der Reflex von heute ist bekannt: Das muss einen Namen haben, eine Diagnose, eine Pille. Doch was, wenn nicht jede Angst ein Defekt ist?

May und Frankl, Pioniere der existenziellen Psychologie, treffen sich in einer gemeinsamen Unterscheidung: Die gewöhnliche, existenzielle Angst und die neurotische, pathologische Angst sind nicht dasselbe. Der philosophische Berater Marinoff zieht dieselbe Linie: Die aus Krankheit geborene Angst ist von der Angst zu unterscheiden, die im Fluss des Lebens entsteht. Die erste ist Sache der Klinik. Die zweite ist keine Störung, sondern eine Frage, die das Leben stellt.

Ein Erleben, das nur der Mensch kennt

Bleistiftporträt von Søren Kierkegaard
Søren Kierkegaard (1813–1855)

Die Wurzel dieser zweiten Angst reicht zu Kierkegaard zurück. Die Angst im philosophischen Sinn gründet in der existenziellen Verfasstheit des Menschen; bei keinem anderen Lebewesen findet sich eine Spur davon. Und genau deshalb lässt sie sich weder mit Medikamenten noch mit Technik allein zum Schweigen bringen — denn ihre Quelle ist keine Krankheit, sondern das Menschsein. Wenn das, was jemand als sein Problem bezeichnet, aus seinem Blick auf Leben und Beziehungen stammt, ist eine bloß technische Behandlung dort Zeitverschwendung; schlimmer noch, sie drängt den Ratsuchenden in eine Illusion: Die Frage bleibt, wo sie war, nur ihre Stimme wurde leiser gestellt.

Was kündigt die Angst an?

Bleistiftporträt von Rollo May
Rollo May (1909–1994)

Die existenziellen Philosophen nehmen die subjektiven Erlebnisse ernst, die auftauchen, wenn im Leben Möglichkeiten von Entscheidung, Wahl und Handlung erscheinen: Furcht, Angst, innere Enge, Übelkeit. Es sind Erlebnisse, die ein vernunftbeherrschter Blick übergeht, die aber zur ontologischen Verfasstheit des Menschen gehören. Angst zeigt sich meist an der Schwelle der Freiheit: Eine wirkliche Wahl steht vor uns, und etwas kündigt sie an. Mays Beobachtung haben wir in den früheren Beiträgen gesehen: Begreift sich der Mensch als frei und bemerkt den Reichtum seiner Möglichkeiten, wird die Angst wieder gewöhnlich.

"Diese Menschen brauchen Dialog, nicht Diagnose."
— Lou Marinoff

Eine wichtige Linie

Diese Unterscheidung ist keine Geringschätzung der Behandlung. Neurotische und pathologische Angst sind real; klinische Hilfe — und, wo nötig, Medikamente — können Leben retten. Worauf die Unterscheidung zeigt, ist das andere Extrem: Nicht jede Angst ist eine Krankheit. Eine Prüfung, eine Trennung, die Konfrontation mit dem Tod oder eine große Entscheidung ins Regal der Krankheit zu stellen, heißt, dem Menschen ein Erleben zu nehmen, das zu ihm gehört. Und zu erkennen, welche Angst welche Hilfe braucht, ist selbst eine Sache der praktischen Weisheit.

Dialog statt Diagnose

Was also hilft der Angst, die aus dem Leben geboren wird? Raabes Antwort ist klar: Der philosophische Berater macht sich nicht daran, den Ratsuchenden nach Schablonen von Normalität und geistiger Gesundheit zu diagnostizieren. Das Gespräch ist kein Prozess, in dem der Ratsuchende passiv bleibt; er richtet sich auf das Befragen seiner Lebensprobleme und übernimmt Verantwortung. Raabe nennt diesen Prozess philosophische Therapie und erklärt ihn so: Therapie im philosophischen Sinn entspringt dem wachsenden Verständnis, der Selbstwahrnehmung und dem Wohlgefühl des Ratsuchenden — und all das ist das Ergebnis einer sorgfältigen Erkundung seiner selbst und der Welt um ihn herum, gemeinsam mit einem fähigen Philosophen.

Ein Ruf

Was könnte deine Angst dir sagen wollen? Vielleicht ist der erste Schritt nicht, sie zu unterdrücken, sondern ihr zuzuhören.

Phronesis Therapy

Quellen: Kierkegaard, S. (2017). Der Begriff Angst · May, R. (2020). The Meaning of Anxiety · Marinoff, L. (2015) · Raabe, P. B. (2021). — Adaptiert aus dem fünften Kapitel der philosophischen Dissertation des Autors (Maltepe-Universität, 2022).

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